Suche Tagcloud Kommentare RSS
Entehrte Spammergemeinde

Für die Neugierigen: Seit der Implementierung der Botquestion-Funktion in meinem CMS BeautifyWeb und damit auch diesem Blog ist kein einziger...
- Tobias
Youtube: You've Watched ...

Nach entsprechend harscher Kritik haben sich Viacom und Google darauf geeinigt, dass die zu übergebenden Datensätze nicht die registrierten...
- Tobias
css-petals.net Design geehrt

Glückwunsch, sehr verdient. Es ist wirklich schön geworden. Das das ganze minimalistischer ist finde ich sehr gut dadurch erhält man...
- Roger
spaß am gerät   politisch   persönlich   Überwachung   23c3   portfolio   ccc   bcc   arbeit   vorträge   reviews   zensur   termine   2007   24c3   webstandards   usability   2008   linux   berlin   deutschland   congress   beautify the web   css   kurioses   tutorials   web-design   trends   web2.0   antispam  

Wo ist Birma?

Demonstrierende Mönche in BirmaLaut Aufruf sollen Blogger weltweit heute ihre Blogging-Aktivitäten einstellen und mit einem roten Banner den friedlichen Protest in Birma unterstützen. Abgesehen davon, dass ein Tag des Schweigens gegen ein Regime, welches rigoros sämtliche Medien zu zensieren versucht, beinahe zynisch erscheint, muss man sich langsam die Frage erlauben, wo Birma eigentlich ist und warum wir gerade jetzt so viel davon hören.

Birma ist praktisch

Unglaublich praktisch und vielseitig sogar: Unsere Massenmedien können Fotos aus einem exotischen Land zeigen, in dem die fremdländischen Demonstranten barfuß durch die Straßen schreiten und buddhistische Mönche bildgewaltig in kräftigem Orange vorneweg marschieren. In so manchem Foto-Reporter werden da Erinnerungen an Vietnam wach.

Westlich gestimmte Politiker von nah & fern können sich außerdem gefahrlos zu Birma äußern. Die Geschichte des Landes ist ja schnell gelernt: Militärdiktatur seit nun bald einem halben Jahrhundert. Da können selbst die Dümmsten in ihren Statements nicht viel falsch machen: Die Militär-Junta muss weg - Demokratie muss her! Als Politiker kann man über Birma schließlich sagen was man will - Im Gegensatz zum nicht minder üblen China braucht man sich bei Birma keine Sorgen zu machen, die Geschäftsbeziehungen durch kritische Aussagen zu trüben.

Auch für den/die Durchschnittsbürger/in eignet sich Birma wunderbar: Morgens können halbnackte Exoten in TV und Zeitung betrachtet werden, deren Anblick unterschwellig erfreut, in einem vermeintlich stabilen Westland zu leben, und mittags kann man bei der Kaffeepause den eigenen politischen Feinschliff beweisen, indem man sich für die Demokratisierung Birmas ausspricht. Begriffe wie 'Militär-Junta' zeugen dabei von der eigenen Versiertheit in diesem Themenbereich und lassen keine Zweifel Dritter an der Richtigkeit der eigenen Aussage zu.

Und auch andere Bereiche der Bevölkerung lassen sich mit Berichten aus Birma gut durchdringen: Schüler/innen starten "Free Burma!" Aktionen unter Anleitung von Lehrern und sammeln Spenden. Einen Schritt digitaler plakatieren tausende Blogger ihre Website mit einem roten Banner und leisten so ihren Beitrag zum friedlichen Protest. Kurzum: Alle sind aktiv!

Das Unpraktische

  • Alle sind aktiv, weil es sie nicht betrifft. Birma ist weit weg.
  • Es ist leicht, Betroffenheit wegen der Zustände in Birma zu zeigen - Auf den ersten Blick sind wir als Westler diesmal nicht schuld an den Geschehnissen dort (was historisch gesehen nicht stimmt!).
  • Birma ist nicht das einzige Militärregime auf der Welt. Aber das ist wohl bekannt. Von afrikanischen Staaten will aber heutzutage niemand mehr hören - Von den Krisen dort haben wir bereits gelernt, dass es für sie keine schnellen Lösungen gibt. Schnelle Lösung für sämtliche Innen- und Außenpolitischen Probleme sind jedoch z.Z. der Renner.
  • Demokratie ist nicht zwangsläufig die einzig sinnvolle Regierungsform für jede Kultur dieser Erde - Eine Lektion die spätestens die 2. Invasion des Irak durch die USA hätte verdeutlichen sollen.
  • Birma kann von Allen beäugt und kritisiert werden, weil es prinzipiell allen egal ist. Birma ist eine Trenderscheinung - und wie alle Trenderscheinungen wird sie bald aus dem Massenbewusstsein verschwunden sein.

Lautstarke Kritik

Während sich innenpolitisch die Problem aufhäufen, wirft sich die Presse lieber auf die orangenen Mönche, die sie dadurch zu exotischen Schauvögeln degenerieren. Trotz der Verfügbarkeit vieler (und mit ein wenig Aufwand sämtlicher!) Informationsquellen lässt sich der Großteil der Blogger instrumentalisieren - Nicht etwa von den Demonstranten in Birma (von denen ließen sie sich gerne instrumentalisieren!) sondern von den ihnen eigentlich suspekten hiesigen Massenmedien. Die Blogger, die sich selbst zu gerne als alternative Berichterstatter verstehen, schüren folgsam den Birma-Trend, ohne ein einziges Mal kritisch darüber nachzudenken.

Über Dinge, die uns wirklich direkt betreffen, wird nicht geschrieben - Weder in den Massen- noch in den selbsternannten Alternativmedien. Zu komplex erscheint dem gemeinen Blogger vermutlich der Sachverhalt des zunehmenden Überwachungswahns in Deutschland. Sich darüber zu äußern, könnte vermutlich Polarisierung bedeuten und von der kuscheligen blogger.com Community entfremden. Eine ordentliche Berichterstattung über die Demonstration des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung in Berlin gab es deswegen nicht. Rote Banner sind schließlich auch einfacher zu publizieren als reflektierte Gedanken.

Update: Kulturimperialismus

Lange habe ich gehadert, ob ich eine bestimmte Aktion für Birma öffentlich negativ bewerten soll. Schließlich ist jede aktive Tat besser als einfach gar nichts zu tun. Doch auch nach langem Zögern erscheint sie mir derart daneben, dass ich sie einfach kritisieren muss:

Die Burmariders sind eine Truppe von Fahrrad-o-philen, die mit einer Tour in dieses momentan so ungemein populäre Land auf die dortigen Missstände aufmerksam machen wollen und auf ihrer Website Spenden sammeln, die sie den hilfsbedürftigen Menschen dort zukommen lassen möchten.

BirmarAIdersVor meinem geistigen Auge sehe ich sie schon: Zwei weiße wohlgenährte Europäer auf Hobby-Sportgeräten (ihren Mountainbikes), welche vermutlich jeweils die jährlichen Einkünfte von zehn burmesischen Großfamilien gekostet haben. Verschwitzt und mit Schlammspritzern im Gesicht stehen die beiden dann mit Telekom-Synthetikfaser-Trikots auf einer Urwaldlichtung in der Mitte eines Bambusdorfes, welches von Flüchtlingen errichtet wurde. Sie greifen zu ihren SIGG-Getränkeflaschen, schlürfen eine speziell auf sie angepasste isotonische Flüssigkeit und schauen sich um. Der eine zieht dabei vermutlich seine Oakley-Sportsonnenbrille aus. Und dann fällt der einzig mögliche Satz: "Hey, dude... what a fucked-up country. Let's go home!"

Geschrieben am 04.10.2007

Zurück

5 Kommentare

# 1 von hayungs am 07.10.2007, 04:17 Uhr

soviel dazu:
http://www.hayungs.de/hayungs31/?p=472

# 2 von Seppl am 09.10.2007, 08:38 Uhr

Sowas nennt man wohl blinden Aktionismus. Es ist übrigens ein allgemeines Phänomen, dass wir in demokratischen Ländern immer Recht haben, aber andere nicht. Leider hat sich die Schwarz-Weiss-Sicht der Menschen noch nicht mal in eine Grauskala verwandelt, was nach so vielen Beispielen gescheiterter Konfliktlösungen langsam mal zu erwarten wäre.

# 3 von Tobias am 15.10.2007, 10:40 Uhr

@ Seppl: Noch mehr blinder Aktionismus fürs Gewissen zwischen dem WOW zocken: http://freelanceswitch.com/blog-writing/blog-action-day-begins/

# 4 von Seppl am 15.10.2007, 11:49 Uhr

Sauber! Werde schnell die 3$ überweisen, damit mein Gewissen beruhigt ist. Wenigstens bekommt es Greenpeace, eine differenziert denkende, problemlösungsorientierte und in Sachen Umweltschutz hochkompetente Organisation. Nix blinder Aktionismus. Dann muss ich aber schnell bei Mc Donalds Essen gehen, der Bioladen ist zwar näher, aber viel zu teuer. Den Rechner lass ich aber laufen, sonst geht mein Spielstand verloren. Strom ist ja billig, kommt aus der Dose und hat mit Umwelt nix zu tun!

# 5 von Tobias am 16.10.2007, 09:51 Uhr

@ Seppl: "I love the smell of cynicism in the morning". Ganz schön böser Kommentar - genau so wie ich's mag! :)



Kommentar-Formular

Name:

E-mail oder URL:
(Optional)