Je nachdem welchen Blogger/Vlogger Microsoft oder Apple mit hübschen Geschenken wohlwollend gestimmt hat, schallt es immer aus unterschiedlicher Richtung wer von wem geklaut hat. Hat Microsoft tatsächlich versucht, Apple zu imitieren und hofft so auf einen ähnlichen Erfolg? Oder hat Apple durch geschickte Industriespionage Wind davon bekommen, was für eine Killer-Applikation dort drüben in Redmond in den Laboren vor sich hin bruzzelt und schnell die wichtigsten Features kopiert, um nicht ins Abseits zu geraten?
Also ehrlich: Wer - den/die man ernst nehmen kann - glaubt denn noch ernsthaft an die Industriespionage-Ninjas, die ohne eine Spur zu hinterlassen im Firmengebäude einbrechen, mühelos alle Sicherheitsvorkehrungen überbrücken und dann mit James-Bond-artigen Gadgets die relevanten Daten klauen bzw. kopieren? Ist es nicht viel wahrscheinlicher und logischer, daß die Teams zweier großer, finanziell gut betuchter Unternehmen sich zuerst den Betriebssystem-Markt angeschaut haben, dann die modernen Benutzer beobachtet haben und daraufhin durch ein einfaches deduktives Verfahren auf die gleichen Ergebnisse gekommen sind, was für Features das nächste große Betriebssystem haben müsste?
Weder Microsoft noch Apple würden es überleben, wenn man ihnen nachweisen würde, daß der eine beim anderen gestohlen hätte. Außerdem haben es beide schlichtweg nicht nötig - Apple ist stark im Kommen und Microsoft kann immer noch auf eine große Kundenbasis bauen, die sie mit weniger edlen Monopol-Methoden in den letzten 6 Jahren gesichert haben. Manche sehen Apple bereits in der stärkeren Position und als nächstes "next evil thing". Andere argumentieren schlicht, beide seien zu arrogant, um die Notwendigkeit zu sehen, beim Anderen zu klauen.
Die beiden Kontrahenten sind jedenfalls arrogant genug, um den Kunden zwischen 130,- und 600,- Euro für ihre Betriebssysteme abzuverlangen (Preise von funktional stark eingeschränkten Versionen bis "Ultimate Edition"). Wegen der hohen Kosten weigern sich bis jetzt viele Benutzer, Vista zu erwerben - Mac OS X Leopard ist noch nicht erhältlich und kann daher noch nicht anhand seiner Verkaufszahlen analysiert werden. Diese heikle Situation auf dem Betriebssystemmarkt kann aber auch als Chance betrachtet werden: Eine Chance für den ewigen Underdog des Desktop-Systemmarkts, Linux.
Linux hat sich in den letzten Jahren bereits im Servermarkt durchgesetzt. Gründe dafür sind vielschichtig, aber kurz zusammengefasst ist Linux beim Servereinsatz schlicht sicherer, performanten, einfacher zu verwalten und transparenter für Administratoren. Leider hat es durch diesen Einsatz im professionellen Bereich aber auch ein Nerd-Image bekommen. So scheint es, als würden nur IT-Experten es einsetzen und als wäre es zu kompliziert für normale Benutzer.
Dieses Image versuchen diverse Linux-Distributionen seit langem zu widerlegen - leider bis dato mit geringem Erfolg. Dabei hat sich Linux wirklich gemausert - vom konsolenbasierten Serversystem ohne jegliche grafische Oberfläche zum stabilen Desktop-System mit riesiger Software-Auswahl und sehr guten Sicherheitsupdate-Verfahren. Man kann Linux sogar direkt testen, imdem man sich eine sog. Live-CD herunterlädt und brennt, und die dann das Starten von Linux von CD erlaubt. Und das Beste: Linux ist komplett kostenlos zu bekommen!
Man kann also sagen, daß Linux alles richtig macht. Warum also der ausbleibende große Durchbruch auf dem Desktop-Markt? Weil es viele kleine Probleme für Linux gibt: Die Hersteller von Hardware-Komponenten weigern sich teilweise vollkommen, Treiber ihrer Hardware für Linux zu entwickeln und stellen sich aber auch quer, wenn eine Gruppe Linux-Developer sie um Spezifikationen ihrer Hardware bittet, um für die Linux-Gemeinschaft diese nötigen Treiber selber zu entwickeln. Der Hardware-Markt hat diese Hersteller schlicht paranoid gemacht. Außerdem leidet Linux an der vielerorts unfreien aber nötigen Software - so z.B. darf nicht einfach der viel genutzte MP3-Codec in Linux integriert werden. Der Benutzer muss dieses nachträglich installieren und dabei dem Lizenzvertrag des Rechteinhabers zustimmen - Linux darf dies nicht einfach schon für seine Benutzer erledigen. Ähnliches gilt für verschiedene andere bekannte Software.
Es gibt Versuche, diese Probleme zu beheben oder zu umgehen. So hat das Development-Team von Linspire in ihrer neuesten Version des 'einfachsten Desktop-Linux' alle bekannten, aber unfreien Codecs bzw. Software-Tools bereits eingebaut. Für Ubuntu gibt es eine offizielle Anleitung sowie 2 kleine Tools, die das Nachinstallieren dieser Codecs bzw. Software vereinfachen. Und in den nächsten Versionen von Ubuntu sollen diese sogar bereits wie bei Linspire vorinstalliert sein.
Linspire und Ubuntu handeln sich damit beide den Zorn der Open-Source-Kreuzritter ein. Diese glauben an eine Welt ohne proprietäre Software. Fakt ist jedoch leider, daß diese aus unserem Alltagsleben am Rechner nicht mehr wegzukriegen ist. Linspire und Ubuntu folgen den Wünschen der Benutzer - und das ist wohl auch der einzige Weg, wie Linux jemals den Sprung zum bekannten Desktop-System machen kann.
Sowohl Linspire als auch Ubuntu haben kommerzielle Produkte, sind aber für den Normalbenutzer kostenfrei zu erwerben. Ihre zahlende Kundschaft sehen sie im Business-Bereich. Novell's Suse und RedHat-Linux sind ebenfalls beide kommerziell, aber nur für den Servermarkt. Auch sie werden von Endbenutzern eingesetzt - ich selbst finde sie aber für ein wahres Desktop-Linux eher zweite Wahl. Linspire und Ubuntu erkennen momentan die Zeichen der Zeit am besten und haben eine Chance auf dem Desktop-Markt. Dieses Zeitfenster wird nicht viel länger als ein Jahr offen sein - danach haben sich die meisten Benutzer mit einem der beiden großen Systeme abgefunden und haben dafür bereits viel Geld ausgegeben. Was Linspire/Freespire und Ubuntu brauchen, ist eine kritische Masse an Benutzern, die bereits sind, diesen alternativen Weg bei Betriebssystemen einzuschlagen - dann bildet sich wohlmöglich eine gute Presse-Resonanz und Linux wird zum Selbstläufer. Wenn die Linuxe aber nicht in den PR-Kampf einsteigen, dann werden sie evt. in ihrem Nischendasein auf dem Desktop-Markt verharren. Mehr Medienwirksamkeit ist das entscheidende "Tüpfelchen auf dem i". Mir schwebt grade eine Europa-weite Fernsehwerbung für Ubuntu vor... ;)
Wenn nun also bald Freunde oder Verwandte vor den Wahl stehen, 1500,- Euro für einen Mac + Betriebssystem auszugeben oder 1500,- Euro Hardware-Upgrades in den PC zu stecken, um Windows-Vista laufen lassen zu können, so hoffe ich inständig, daß ihr euch der Möglichkeit erinnert, Linspire bzw. Freespire oder Ubuntu herunter zu laden und auszuprobieren. Ihr könntet glatt feststellen, daß Linux wirklich benutzbar und schön geworden ist!
P.S.: Für die kritischen Hinterfrager - Ich selbst benutze Ubuntu während ich diesen Artikel schreibe. :)
Geschrieben am 12.02.2007




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- Markus