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Auf dem Weg zum Terroristen [offtopic]

Wenn es in diesem Blog so etwas wie einen eingeschränkten Themenbereich gibt, dann ist dies nicht in diesem Rahmen. Ein wenig gehört es zu Privatsphäre/Datenschutz. Aber eigentlich "bin ich [nur] mit der Gesamtsituation unzufrieden".

Wenn ich nun schreiben würde, dass wir in einem Poliziestaat leben, wir alle vom BigBrother überwacht werden und das totalitäre Regime übermorgen beginnt, dann hört ihr jetzt alle wieder auf zu lesen. Das habt ihr alles schonmal gehört, schonmal müde belächelt und jede weitere Erwähnung  dieses Themas führt nur zu beschleunigter Glaubwürdigkeitseinbuße meinerseits.

Verdammt, was dann sagen? "Sale!" vielleicht? Hm, das sagen auch viel zu viele in letzter Zeit. Immerhin haben die aber damit mehr Aufmerksamkeit als ich. Aber mich nerven diese riesigen, sinnbefreiten "Sale!"-Schilder nur - da will ich nicht noch Wasser auf die Mühlen gießen. Wie also sonst ungerechtfertigte Aufmerksamkeit generieren? Neben Sonderpreis-Verkäufen gibt es nur ein weiteres Thema im Westen, das scheinbar genau so gut die Tageszeitungen füllt: Terrorismus. Also sage ich euch: "Ich bin auf dem Weg zum Terroristen." Und bin dabei todernst.

Seit nunmehr anderthalb Jahren führe ich mit fast allen Menschen, die ich für interessant halte, eines Abends die gleiche Unterhaltung: Wann ist das Maß voll? Was muss passieren, damit man von dem ehrbaren Ziel von glücklicher Familie und ruhigem Leben ablässt und aktiv wird, das zu schützen, was einem wichtig ist? Diese Frage kam mir in den Sinn, als ich für mich feststellte, dass ein nächstes Regime nicht mehr so offensichtlich wie z.B. das 3. Reich agieren würde. Unwahrscheinlich, dass im finanziell(!) geeinten Europa Soldaten in meine Stadtwohnung eindringen und meine Familie exekutieren. Das wird so nicht wieder passieren. Die Systeme von heute sind anders. Wir "genießen die Nähe des Systems", es "versichert uns immer wieder, wie gern es uns hat" und "tut uns gar nicht weh, wenn es in uns eindringt" (mod. Zitat 'Blumentopf - Das System').

Diese Zärtlichkeit des "Systems" führt dazu, dass wir nicht schockiert sind, wenn unsere Bürgerrechte vergewaltigt werden - es passiert ja so sanft und langsam und liebevoll. Kein manisch-depressiver, morphiumabhängiger Postkartenmaler aus Österreich springt auf den Tisch, schiesst mit seinem Revolver in die Decke und ändert die Verfassung auf einen Schlag.  Stattdessen debattieren gewählte Vertreter des Volkes in feinen Anzügen in gepflegtem Ton, wie sie ihre in ihrer Obhut befindlichen Bürger vor den Gefahren der großen bösen Welt bewahren können. Das ist doch was Gutes! Oder?

Bei dieser Penetration in Zeitlupe fällt es selbst den aufmerksamen Bürgern schwer, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten. Daher rührte meine Überlegung, sich zeitig einen absoluten Fixpunkt zu setzen - z.B. "Wenn die Unverletzbarkeit der eigenen Wohnung aufgehoben wird, dann stehe ich auf und tue etwas" (grob gesagt!). Denn wenn einmal eine Terrorzelle in Deutschland durch das Gesetz zum Schutz der eigenen Wohnung beschützt wurde, dann kommt es uns evt. gar nicht mehr so unvernünftig vor, auch dieses Gesetz zu kippen. Im Grunde ist es also wie mit dem Einkaufen: Wenn man sich nicht vorher eine Liste von Dingen macht, die man braucht & sich daran hält, dann kauft man 1000 Sachen, die man vorher nicht haben wollte - das sog. "Shopping". So werden wir 1000 Einschränkungen an unserer Freiheit hinnehmen und passiv bleiben, wenn wir uns nicht vorher einen Punkt setzen, bei dessen Überschreitung wir agieren werden.

Ich habe mir meinen Punkt (den 'Point of No Return') gesetzt - und einen Zusatz: Da ich ungern meinen Traum von schöner Zukunft und ruhigem Leben aufgeben will, werde ich von nun an alles daran setzen, dass "das System" meinen "Point of No Return" nicht überschreitet. So begann vor kurzem mein (noch) legaler Kampf um Informationsfreiheit und eine geschützte Privatsphäre.

Es gibt interessante Ansätze für diesen Kampf, der schon lange nicht mehr "zwischen Luke Skywalker und Darth Vader" ausgetragen wird. Frank Rieger, ehemaliger Sprecher des ChaosComputerClubs (CCC), weist mit seinem Vortrag "We lost the war" Wege auf, den Kampf gegen das zärtliche System zu führen.

Eins meiner ersten Ziele war es, einen TOR-Server aufzusetzen. TOR ist ein Netzwerk von Servern, die euren Internet-Traffic über viele solcher Tor-Nodes weiterleiten. Jede Node kennt nur ihre nächsten Nachbarn, so daß eure Spur verloren geht, wenn euer Traffic über einige Nodes hinter einander geleitet wird. Eine besondere Art von Node - die EXIT-Node - macht dann die Anfrage für euch und so wird deren IP-Adresse registriert statt eurer. Nett von ihr, oder? In Kombination mit einem konfigurierten Proxy (bei der einfachen TOR-Installation direkt mit dabei) ist dies einer der mächtigsten Wege, anonym im Web unterwegs zu sein.

Anonym? Ist das nicht ein Synonym für illegal? Der Duden wird uns diese Frage noch nicht beantworten. Aber in euren Köpfen gibt es eine Antwort darauf. Und leider ist es zu oft die falsche. Staat + Medien haben zu oft auf die Gefahren von Anonymität gezeigt, ohne auch nur ein Mal etwas Gutes daran zu finden. Heute scheint es klar: Nur Terroristen und Kinderporno-Ringe versuchen, anonym zu sein. Anonymität ist gleichgesetzt mit dem Wunsch, der Justiz zu entgehen und ständig das Gesetz zu brechen. Wer rechtschaffend ist, hat nichts zu verbergen - nicht wahr?

So ist es. Wer nur Gutes tut, braucht seine Taten auch nicht zu verstecken. Nur .. tun wir auch alle immer nur Gutes? Nein! Wer ist nicht schon geflüchtet, nachdem er nachts eine Katze auf einer Dorfstraße überfahren hat? Wer hat nicht schon mal auf einem Behindertenparkplatz geparkt? Wer hat noch nie im Leben in einer Schlange gedrängelt? Hat bei einem Test gefuscht? Hatte sexuelle Phantasien, die beschämend waren? Hat Informationen vorenthalten? Gelogen? Die Antwort ist klar: Jeder hat in seinem Leben Dinge getan & gedacht, die nicht nur Gut waren. Und das ist ok, denn wir sind Menschen. Wir sollten das tolerieren. Doch die moralische Masse vergibt nicht - und daher wird lieber versteckt.

Jeder von uns hat etwas zu verstecken. Niemand ist davon frei. Tut nicht so engelsgleich! Was würde passieren, wenn ihr z.B. Lehrer seid & die Eltern eurer Schüler eure Rechnung des Videoladens eures Vertrauen in die Finger bekämen? Glaubt ihr, sie würden "XXX" lesen und sich denken, daß sie auch schonmal Pornos geguckt haben? Nein. Sie würden euch vermutlich den Job zerstören. Eine der fiesesten Eigenschaften der Moralapostel ist das "Holier Than Thou". Daher ist es gut, wenn die Videorechnung nicht euren Namen trägt. Anonymität schützt euch.

Diese Lektion mussten viele Männer vor kurzem im Erfinderland der Pseudo-Moral schmerzlich lernen. Sie alle hatten auf ein S&M-Inserat auf  Craigslist geantwortet. Ihre Daten & Photos hat der Betrüger dann kurze Zeit später ins Internet gestellt und weigert sich,sie zu entfernen. Die amerikanische Bigotterie-Mühle wird vermutlich einige dieser Leben zerstören. Des Weiteren hat der Betrüger mit diesem Coup eine Lawine ins Rollen gebracht - viele hirntote Nachahmungstäter werden es überall auf der Welt genauso machen (Update: bereits 1x geschehen!) und tausende Leben zerstören. Daraus kann man zwei Dinge lernen:
  • Moral wird oftmals missbraucht
  • Anonymität ist gut
Kaum hatte ich meinen TOR-Server aufgesetzt und die ersten paar hundert MBs getunnelt, da kam auch schon wieder die nächste Hiobsbotschaft: Viele TOR-Server wurden beschlagnahmt. Mit der Kinderporno-Keule hatte man sich schnell Durchsuchungsbefehle für viele Wohnungen und darin befindliche Server besorgt. Auch dezidierte Server bei großen Providern wurden beschlagnahmt. Die Relation will mir dabei einfach nicht in den Kopf: Weil eine kleine Gruppe Menschen illegale Machenschaften über TOR betreiben, gerät TOR ins Visier der Justiz. Das ist ein wenig, als würden alle eMails im Netz automatisch gelesen, nur weil ja vielleicht einige wenige was Böses darein schreiben. Oh, das passiert ja wirklich! Hm, anderes Beispiel: Das ist ein wenig so als würden 2 Jahre lang alle Verbindungsdaten eures Telefonanschlusses aufgehoben, damit euch länger verklagen kann. Mist, das gibt's ja auch schon wirklich. Ok, letzter Versuch: Das ist ein wenig so, als würde der Staat alle Bürger sedieren und intravenös füttern, weil sie im Wachzustand vermutlich mal Unsinn machen könnten. Seht ihr, das gibt's noch nicht! Was für eine schöne (neue) Welt!

So verlieren wir alle Stückchen für Stückchen unsere Freiheit, weil kleine Gruppen mit dieser Freiheit  Unrecht tun. Ist das rechtens? Leider mitterweile Ja. Das Gesetz wird immer und immer weiter verschlimmbessert. Und ich? Ich bin auf dem Weg zum Terroristen. Und warum? Weil ich das beschützen werde, was mir wichtig ist: Echte Demokratie, Informationelle Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit. Und die werden Stück für Stück illegalisiert. Es ist fast paradox: Bevor Bürger überhaupt zu Verbrechern werden, wird das System von sich aus zu ihrem Ankläger. Ich (und mein Wertekanon) ändern sich nicht so schnell wie es das "zärtliche System" tut. Vielleicht wird schon bald wird meine Anonymität wirklich illegal sein -und mein TOR-Server.

Und jetzt? Findet euren "Point of No Return", schreibt ihn auf, erzählt Freunden davon, fragt sie was ihr "Point of No Return" ist. Schafft Bewusstsein. Bewahrt wichtige Werte. Die Konservativen von heute sind vermutlich die Liberalen von morgen (die FDP ist es schon seit gestern nicht mehr!). Ich werde die mir verfügbare Zeit & Resourcen dafür nutzen, daß mein "Point of No Return" nicht erreicht wird. Im Moment äußert sich das in der Entwicklung eines Tools zur Verbesserung des verschlüsselten Mailverkehrs - 'Noisemail' wird es heißen. Aber dazu später mehr! Gute Nacht, Distopia!

Geschrieben am 14.09.2006

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5 Kommentare

# 1 von seppl am 15.09.2006, 03:03 Uhr

Du hast inhaltich völlig recht, aber... Was willst du Schaffen mit dem Artikel? Mehrheiten im Kampf gegen die Reglementierung? Damn, hast du nicht kapiert, dass Demokratie heisst, dass man Mehrheiten habe muss um Recht zu haben... selbst wen die Mehrheit oder deine Mehrheit Unrecht hat?

# 2 von seppl am 15.09.2006, 03:04 Uhr

Du bewegst dich auf einem Feld, was Otto Normalo niemlas wahrnehmen wird. Woher willst du also Mehrheiten bekommen?
Du wirst mit dieser Methode nur eine Minderheit an hochspezialisierten IT-Freaks mit Honig füttern. Es bringt aber sonst nix.
Zur Reglemtierung:
Es gibt keinen guten oder bösen Staat. Du hast bei der Mailüberwachung nur die Deppen sitzen, die in ihrer Ausbildung gelernt haben, wann ein Textfilter Alarm schlägt. Du bist also ab sofort terrorverdächtig, und nach den neuen Antiterrorgesetzen bist du in der Bringschuld, dass du es nicht bist. WEiterhin haben wir die gewählten Volksrepräsentaten, welche keine Ahnung von der technischen und der juristischen Seite haben. Man muss ja auch aus Sicht der Politiker ein Wählerklischee erfüllen, um eine Wählergruppe zu haben. ber_ Polit ist auch nur eine Hruppe innerhalb der Demokratie.
Willst du dich wirklich darin als Messias bewegen? Wenn ja, schön, dann lebe auch mit den Konsequenzen.
Wenn du die real exisitierende Scheisse wirklich angehen willst, dann hör auf, Politik und IT zu vermischen. DU bist IT, und damit eine von vielen demokratischen Seiten. Starte Projekte, schütze dich und alle Bekannte/Verwandte vor organisiertem Zugriff durch Dritte. Mach alles, was dir als IT-Profi richtig erscheint, aber erwarte keine Mehrheiten von ausserhalb.

# 3 von Barain am 15.09.2006, 16:31 Uhr

Vom Prinzip magst Du Recht haben, aber Dein Thema ist nicht Politik sondern
IT-Ethik!!
Begebe Dich nicht offiziell auf ein
solch heikles Thema-der bescheidene
Horizont der meisten User erkennt zwar
das Thema, aber vom Prinzip uninterresant;
sie sind einfach zu DUMM!!

# 4 von Tobias am 22.09.2006, 01:23 Uhr

Seppl, ich erwarte keine Mehrheiten im Sinne von Demokratie in Deutschland! Es wäre reichlich arrogant zu glauben, daß 42 Millionen Deutsche meinen Artikel lesen & mir zu 100% zustimmen. ;-)

Was ich mit diesem Artikel will, ist 'den Leser' darauf aufmerksam machen, dass ein Umschwung im Gange ist, der schleichend geschieht & evt. ganz leise und lieb daher kommt. Ich glaube, dass gegen diese entradikalisierte Bewegung nur ein vorher definierter Grenzwert im eigenen Moralverständniss hilft, 'einen klaren Kopf zu bewahren' weil einem sonst bei dieser schleichenden Änderung alles nicht so schlimm vorkommt. Ich will, dass 'der Leser' sich diesen seinen absoluten Fixpunkt sucht & seine Wahrnehmung von Tagesnachrichten etc. daran misst.

Zum (von dir nicht gutgeheißenen) Mischen von IT + Politik: Die Politik verändert ständig 'meine' Welt der IT. Ich glaube, dass es andersherum nur fair ist. Politik ist ein Meinungsabbild, Meinung wird durch Medien gebildet, das Netz ist das größte Medium von allen - und mein zweites Zuhause. Ich glaube nicht, daß sich die beiden noch trennen lassen. Du kannst auch nicht einem Journalisten der 'Zeit' verbieten, über Politik zu schreiben nur weil er selbst kein Politiker ist! Politik reglementiert Medien, Medien bestimmen die Politik.

Zu Projekten etc: Genau das tue ich - in dem Rahmen in dem es mir möglich ist. Leider bin ich nicht 'Acid Burn' aus 'Hackers' ;-) sondern nur der Webdesigner aus der Vorstadt. Meine Mittel sind beschränkt. Aber was ich tun kann, das tue ich auch. 'Noisemail' ist der erste Schritt.

# 5 von seppl am 27.09.2006, 02:52 Uhr

Kurze Reaktion auf deine Antwort (gerne alles weitere beim nächsten Treffen): 1. Wenn du schon weisst, keine Mehrheiten zu bekommen, dann mach es den Volldeppen nicht zu einfach, deine berechtigten Sorgen fehlzuinterpretieren. 2. Deine Leser sind Profis und brauchen die Aufklärung nicht. 3. Du hast mich immer noch nicht verstanden: Natürlich darf man Politik und IT mischen. Aber Demokratie bedeutet, dass alle Interessensgruppen an einem Tisch sitzen und die Standpunkte anhören, diskuieren und Lösungen finden. Das findet in good old germany nicht statt. Du kanst nur darauf spekulieren, anhand von medialer Öffentlichkeitsarbeit die Seite der Politik unter Druck zu setzen. Aber das gelingt recht dürftig. Dank dem Föderalismus. Danke. Um es zu konkretisieren: dein Beispiel des Verbotes, einem Journalisten politisches Redeverbot zu erteilen, ist natürlich Blödsinn. Einem Journalisten kann ich politsche Kompetenz im Notfall zusprechen, einem Politiker aber keine journalistische Kompetenz. Genauso bei IT-Fragen, genauso bei Gentechnik. Politiker sind auch nur eine Seite der Demokatie. Und genau so muss man sie behandeln.



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